„Heranwachsende haben ein Recht auf bestmögliche Bildung, auch in Zeiten von Corona“

Anrisstext
Schulen sollten die Erfahrungen aus der aktuellen Krise für die Schulentwicklung nutzen und ihre Instrumente zur Leistungsbeurteilung auf den Prüfstand stellen. Das forderten Expertinnen und Experten in der fünften Ausgabe unserer Reihe "Digitale Impulse für Schulentwicklung in Zeiten von Corona".
Absätze
Prof. Dr. Hans Anand Pant und Prof. Dr. Silvia Iris Beutel
Bildnachweis: Lars Rettberg

Es gibt oft bessere Instrumente zur Beurteilung der Leistungen von Schülerinnen und Schülern als Noten. In Corona-Zeiten aber hilft das fächerisolierte Lernen nach Lehrplan mit Noten und Zeugnissen weniger denn je.

„Empirische Untersuchungen zeigen: Noten sind ungenau, unfair und ungeeignet zur Messung von Kompetenzen und Fähigkeiten und damit alles, was ein gutes Instrument zur Leistungsfeststellung nicht sein sollte. Wir alle erfahren im Moment ganz konkret, dass sich Schule verändern muss. Schulen sollten deshalb jetzt die Chance nutzen und Räume schaffen, wo Lehrkräfte ihr Leistungsverständnis reflektieren und gemeinsam neue Wege der Leistungsbeurteilung suchen“, sagte Prof. Dr. Hans Anand Pant, Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie, in seinem Beitrag zu den Digitalen Impulsen am 26. Mai 2020. Er empfahl Schulen, die positiven Impulse aus der Homeschooling-Zeit in ihren Schulentwicklungsprozess einfließen zu lassen und nicht mit der Rückkehr zur Normalität in alte Handlungsmuster zurückzufallen. „Es ist wichtig, jetzt alternative und gut funktionierende Konzepte der Leistungsrückmeldung und Leistungsbeurteilung zu identifizieren und gesetzliche Spielräume für Schule auszuloten.“ In fast allen Bundesländern können Schulen bis einschließlich der achten Jahrgangsstufe notenfrei arbeiten. Gute Konzepte für innovative Methoden der Leistungsrückmeldung und Leistungsbeurteilung finden Schulen unter anderem bei den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises.

„Heranwachsende haben ein Recht auf bestmögliche Bildung auch in Zeiten von Corona“, sagte Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel, Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie und Fachliche Leitung des Regionalbüros Dortmund des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie in ihrem Beitrag. „Die Corona-Krise zeigt: Wir brauchen ein neues, kollegial und partizipativ auch mit Schülerinnen und Schülern und Eltern erschlossenes Leistungsverständnis. Es ist jetzt ein Punkt erreicht, an dem wir etwas Außergewöhnliches wagen sollten.“ Sie forderte Lehrkräfte auf, Verantwortung für Bildungsbiografien zu übernehmen, nicht nur für Ausschnitte von Bildung. „Dafür sind Investitionen in Formen individuellen Lernens nötig. Der Lernplan steht vor dem Lehrplan, es geht jetzt um eine konsequente Individualisierung des Lernens“, sagte Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel.

Dr. Petra Hoppe, Schulleiterin der Integrierten Gesamtschule Hannover-List, berichtete von ihren Erfahrungen mit der Umsetzung neuer Wege von Lern- und Leistungsbewertung. „Für uns war Corona eine Chance und weniger eine Krise“, sagte sie. „Auch wenn Leistungen in Homeschooling-Zeiten nicht bewertet werden dürfen, hindert uns das nicht daran, ein lernförderliches Feedback zu geben. Und das klappt heute besser als vorher“. In der Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises 2018 arbeitet das Kollegium in Jahrgangsteams, Fachbereichsteams und Jahrgangsfachteams zusammen. „Die gemeinsame Unterrichtsplanung zeigt sich jetzt als echter Vorteil“. In Teamarbeit wurde das Curriculum entschlackt und daraufhin Lernaufgaben entwickelt. Die positiven Ergebnisse und Erfahrungen aus der Homeschooling-Zeit wird die Schule für ihren Schulentwicklungsprozess nutzen.

„Corona schwappte die Schwachstellen unseres Bildungssystems prägnant und schnell an die Oberfläche. Es ist ein Fenster offen, dass wir alle nutzen müssen, damit Schule von morgen ein Stück weit anders wird“, sagte Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) und ehemalige Schulleiterin und Schulpsychologin. Sie erklärte in ihrem Impuls, wie ein neuer Lern- und Leistungsbegriff in Schulen umgesetzt werden kann und bewertete dabei die Beziehung zwischen Kindern und Lehrkräfte als „das A und O“. In der veränderten Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule in der Krise sieht sie eine elementare Chance für die Zukunft.

In der fünften Ausgabe unserer Reihe Digitale Impulse für Schulentwicklung diskutierten am 26. Mai 2020 Expertinnen und Experten mit rund 290 virtuellen Teilnehmer*innen die Frage, welchen Lern- und Leistungsbegriff die Schule braucht und welche Learnings aus der Corona-Krise folgen. Federführend für diese Ausgabe war das Regionalbüro Dortmund des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie. Den Mitschnitt des Digitalen Impulses finden Sie in unserer Mediathek.

Ziel der Digitalen Impulse für Schulentwicklung ist es, aufgrund und auch trotz der schwierigen Situation, die sich aktuell für Schulen durch die Corona-Krise ergibt, Denkanstöße zu geben, gute Beispiele zu zeigen und eine Plattform für einen Erfahrungsaustausch zu schaffen. In jeder Woche laden wir zu einem neuen Thema ein, als Gast mit dabei sind immer verschiedene Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis, die mit kurzen Impulsen in die Diskussion einführen.