Bildungsgerechtigkeit: Für mehr gute Ganztagschulen!

Anrisstext
Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland so stark von ihrem sozialen Hintergrund geprägt wie in kaum einem anderen Land. Wie Schulen dem entgegenwirken können, diskutierten wir im Digitalen Impuls.
Absätze
Kinder klettern

Durch die Schließung der Schulen zu Corona-Zeiten wird die bestehende Ungerechtigkeit weiter verschärft: Kinder und Jugendliche aus „bildungsfernen“ Schichten sind gefährdet, noch weiter abgehängt zu werden – diese Befürchtung bestätigen auch Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher sowie mehrere Untersuchungen zur aktuellen Situation, wie das Deutsche Schulbarometer.

Wie können Schulen dieser Spaltung entgegenwirken – sowohl im aktuellen, Corona bedingten Ausnahmezustand als auch danach? Zu dieser Frage tauschten sich unsere Gäste im Digitalen Impuls am 16. Juni mit über 100 Teilnehmenden aus. Es diskutierten unser Programmteammitglied Angelika Knies, der Bildungsforscher und Bestseller-Autor Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani und die Schulleiterin Antonia Veramendi. Moderiert wurde die Online-Veranstaltung von Bernd Fiedler.

„Wir müssen die Gerechtigkeitsdebatte zu einer Debatte des 21. Jahrhunderts machen und die Bildungsgerechtigkeit ist eine Facette davon“, sagte Angelika Knies in ihrem Eröffnungsbeitrag. Als Verantwortliche für das Thema „Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund – Potenziale erkennen und wirksam werden lassen“ ist es ihr ein großes Anliegen, dass Schulen allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, ihre Potenziale zu entfalten. Das müsse, so die ehemalige Schulleiterin, die Kultur des 21. Jahrhunderts werden. „Ich würde mir wünschen, dass die Corona-Krise dazu beiträgt, dass wir ganz grundsätzlich über Schule nachdenken. Wir können so nicht weitermachen“, sagte sie abschließend.

Ein „Weiter so wie bisher“ lehnt auch Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani ab. Er erläutert in seinem Impuls, welche Bereiche für die Reproduktion sozialer Ungleichheit verantwortlich sind. Den stärksten Effekt sieht er in der Familie und im sozialen Umfeld der Kinder. Durch ungleiche Startbedingungen könnten die Potenziale der Kinder nicht ausgeschöpft werden. Dem Bildungssystem, seinen Institutionen und Akteuren, gelinge es nicht, diese unterschiedlichen Startchancen auszugleichen. Wesentlichen Einfluss habe auch das individuelle Entscheidungsverhalten der Kinder und ihrer Eltern. Das trage dazu bei, dass Kinder trotz entsprechender Empfehlung zum Beispiel nicht auf das Gymnasium gehen.  

Diese Ursachen sind in den Sozialwissenschaften schon häufig diskutiert. Neu ist jedoch, dass Kinder im Gegensatz zu ihren Eltern heute in einem resignativen Milieu aufwachsen. Das bedeutet: Früher gab es zwar auch Ungerechtigkeit, aber die Generation der Eltern hatte Hoffnung in die Zukunft und das übertrug sie auch auf ihre Kinder. Heute wachsen Kinder sowohl in materieller Armut als auch in einem Milieu der Hoffnungslosigkeit auf.

El-Mafaalani warnte davor, auf Bildungsreformen oder eine Umstrukturierung der Lehrkräfteausbildung zu warten: „Jedes Mal darauf zu pochen, die Lehrausbildung zu verändern, ist zwar richtig. Aber das darf niemals die eigentliche Diskussion verschieben.“ Schnellere Lösungen sieht er im Ausbau des Ganztags, in der Arbeit in multiprofessionellen Teams, in Lehrkräftefortbildungen sowie in Investitionen in Grundschulen und Kitas. So könnten beispielsweise Vereine in Schulen geholt werden, wodurch sich sowohl deren Nachwuchsproblem gelöst als auch Kindern ein Freizeitangebot unabhängig ihres sozialen Milieus ermöglicht werden könnte.

Auch Antonia Veramendi, Schulleiterin am Campus di Monaco, sieht den Ausbau von ganztägiger Bildung als wichtige Maßnahme. Sie gab abschließend Einblicke, warum die Corona-Krise ein besonderes Exklusionsrisiko für Kinder und Jugendliche mit Flucht oder Migrationserfahrung darstellt. Sie betonte, wie wichtig eine gute Beziehungsarbeit ist – nicht nur jetzt, sondern auch nach Corona. Wichtige Aspekte zur Reduktion von Bildungsungerechtigkeit sieht sie darüber hinaus in der interkulturellen Elternarbeit und in Konzepten für Mehrsprachigkeit.

Als Deutsche Schulakademie teilen wir die Empfehlungen der Referenten und Referentinnen. Bereits im September 2018 forderten wir auf unserem Kongress „Nicht mehr allein! Gute Schulen kooperieren“ den Ausbau des Ganztags und die Arbeit in multiprofessionellen Teams. Hier finden Sie unsere Positionierung zum Thema.