Was macht gute Schule aus? Wie kann sie Kinder und Jugendliche auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereiten? Auf dem Kongress der Deutschen Schulakademie diskutierten rund 460 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Schulentwicklung.

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Bildnachweis: Oliver Wolff

Neben Vertreterinnen und Vertretern von Schulen nahmen auch Interessierte aus Wissenschaft, Verwaltung, Lehrerbildung und Politik am Kongress „schulen. gestalten. zukunft.“ teil. Außer den 61 Preisträgerschulen waren Lehrerinnen und Lehrer von rund 130 Schulen aus ganz Deutschland nach Berlin gereist.

„Vor zehn Jahren haben die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung den Deutschen Schulpreis gegründet“, sagte Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung in ihrer Begrüßung. „Aber wir wollen nicht nur gute Schulen auszeichnen, wir wollen mehr gute Schulen! Dazu haben wir die Deutsche Schulakademie gegründet. Bereits in den ersten beiden Jahren hat es die Akademie geschafft, die guten Konzepte der Preisträgerschulen weiter in die Breite zu tragen. In den nächsten zehn Jahren wollen wir gute Praxis-Konzepte auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse in möglichst alle der 43.000 Schulen Deutschlands nachhaltig transferieren.“

Prof. Dr. Hans Anand Pant, Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie, sagte, „Die Deutsche Schulakademie ist nicht nur ein ,Think-Tank´, sondern auch ein ,Do-Tank´. In den nächsten zehn Jahren wollen wir substanziell viele Schulen erreichen, inspirieren und ermutigen, sich auf den Weg zu machen und ihre Schule nachhaltig weiter zu entwickeln.“

Prof. Dr. Michael Schratz, Dekan der School of Education der Universität Innsbruck und Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises stellte in seinem Vortrag die sechs Qualitätsbereiche des Deutschen Schulpreises vor, die sich als Orientierungsrahmen für Schule bewährt haben. Professor Jürgen Oelkers (em. Universität Zürich) blickte auf zehn Jahre deutsche Bildungsreformen zurück: „Schulen sind lernende Systeme. Sie suchen Bündnispartner – dazu gehört auch der Deutsche Schulpreis. So etwas gab es vorher nicht“, sagte er. Frank Kohl-Boas (Head of Human Resources Northwest, Central and Eastern Europe bei Google) forderte in seinem Impuls dazu auf, mehr Spielräume für Kreativität zu erlauben – bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie bei Schülerinnen und Schülern. „Wir glauben, dass jeder jedem etwas beibringen kann und auch will“, sagte der Personalchef von Google. Carolin Silbernagl (Vorstand bei gut.org und Außenministerin beim betterplace lab) erklärte: „Veränderung ist zum gestaltenden Grundfaktor geworden“. Aber statt Angst davor zu haben, forderte sie auf, sich dem Wandel zu stellen, ihn anzunehmen um handlungsfähig zu bleiben. „Viele haben Angst, von der Welle an Innovationen überrollt zu werden. Man kann eine Welle aber auch surfen“, machte sie den Anwesenden Mut.

Auf dem ersten Kongress der Deutschen Schulakademie herrschte Aufbruchstimmung: In den Seminarräumen, der Aula und in den Gängen des GLS-Campus wurde bis spät in den Abend intensiv diskutiert. Vor allem die Pausen wurden von Teilnehmenden genutzt, um sich zu vernetzen. Beim Einstieg ins Gespräch halfen so genannte „Gesprächsanbahnerkarten“, die alle Gäste beim Ankommen zusammen mit ihren Kongress-Unterlagen erhalten hatten. Dort stand zum Beispiel: Was ist Ihre eindrücklichste Erinnerung an Ihre Schulzeit? oder: Können Sie mir drei Dinge nennen, für die Sie beruflich verantwortlich sind? 

„Hier finden Gespräche auf Augenhöhe statt“, sagt Heinrich Brinker, Schulleiter der Grundschule auf dem Süsteresch. „Keiner sagt: Das geht nicht! So was habe ich noch nicht erlebt! Großen Dank an die Deutsche Schulakademie für die gelungene Veranstaltung!“ Seine Schule erhielt 2016 den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises. Jörg Triebel vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport war beeindruckt, „dass so viele Menschen an gute Schule glauben. Wir sollten gemeinsam versuchen, Schule weiterzuentwickeln – soweit es der rechtliche Rahmen zulässt.“ Denn der lässt Schulen vielmehr Raum, als manche glauben. Markus Bölling, Schulleiter der Realschule am Europakanal, die 2010 ausgezeichnet wurde, twitterte unter #sgz16: „Es gibt einen hohen Bedarf über Schulentwicklung zu reden. Das zeigt das große Interesse.“ 

Auf großes Interesse stießen nicht nur die vier Vorträge, sondern auch die 31 Workshops, bei denen Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises ihre Konzepte vorstellten. Schulleiter Markus Bölling aus Erlangen stellte das Konzept seiner digitalen Schule vor, an der es seit 2010 iPad acht Klassen gibt. „Digitalisierung ist der Auslöser, wie sich Schule entwickelt“, erklärte er und schilderte wie im Biologie-Unterricht YouTube-Videos eingesetzt werden, damit Schülerinnen und Schüler ein Schweineherz sezieren können. Ziel sei nicht der pauschale Einsatz von iPads, so Bölling, sondern die Tablets würden genutzt, damit Schülerinnen und Schüler individuell lernen können. 

Ein paar Räume weiter stellte Andrea Cofalik vom Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach ihr Konzept von tiergestützter Pädagogik vor – dabei wurde sie von den beiden Schulhunden „Gambit“ und „Storm“ unterstützt. „Die Hunde helfen Kindern Selbstbewusstsein zu entwickeln, sich zu konzentrieren und Rücksicht zu nehmen – ganz ohne Worte“, erzählte die Mathe-Lehrerin, während ihr die beiden Hunde zu Füßen lagen. Auch die Wirkung der beiden Hunde auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops war spürbar: Sie waren nicht nur von den Tieren fasziniert, sondern die Anwesenheit der beiden Hunde wirkte beruhigend und ausgleichend auf alle.

Am Morgen des zweiten Tages startete der Kongress um 8.15 Uhr mit Tanz: Auf der Bühne im Stadtbad des GLS-Campus stehen sechs Mädchen mit türkisblauen Käppis, Zweitklässlerinnen von der Grundschule auf dem Süsteresch. Aus den Lautsprechern wummert Musik. Zunächst „Tanz wie ein Schlumpf“, dann ein ruhigeres Lied „Help the People“. Zuerst zögernd, dann zunehmend begeistert, lassen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Energie der Mädchen auf der Bühne anstecken und tanzen ausgelassen in dem gekachelten Gewölbe des Stadtbad Oderberger. 

So aufgelockert ging es weiter mit der „Unkonferenz“: Dabei waren die Teilnehmenden eingeladen, eigene Fragestellungen und Ideen aus ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklungsarbeit einzubringen. Dabei kamen innerhalb von 30 Minuten spontan 39 Workshops zustande: Die Themen reichten von „Leistungsbeurteilung in der inklusiven Schule“ (Professor Thomas Häcker, Universität Rostock) über „Schule online“, vorgestellt von zwei sechzehnjährigen Schülern der Heinz-Brandt-Schule Berlin bis hin zur „Deutschen Auslandsschule im 21. Jahrhundert – Impulsgeber für das Inland?“  von Matthias Radke von der German International School Boston.

Ein Highlight des Kongresses war die abschließende Diskussion von Stephan Dorgerloh (ehemaliger Kultusminister Sachsen-Anhalt), Bettina Kubanek-Meis, (Schulleiterin der Gesamtschule Barmen, Hauptpreisträger Deutscher Schulpreis 2015) und Professor Andreas Breiter (Universität Bremen) über die Frage: Was kann und muss Schule angesichts immer neuer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten? Stephan Dorgerloh hofft, dass in zehn Jahren immer mehr Schulen in Teams arbeiten werden und sagen: Freiheit, her damit! Schulleiterin Kubanek-Meis würde gern die engen Fächergrenzen überwinden, um bei Schülerinnen und Schülern die Lust am Lernen nachhaltig zu entfesseln. 

Weitere Informationen zum Kongress:

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