Am 25. und 26. Februar 2016 fand in Berlin das Forum der Deutschen Schulakademie statt: "SchulWEGE selbständig gehen, gestalten, verantworten“. Unter den 170 Gästen waren Schulleitungen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler von 80 Schulen.

Bildnachweis: David Weyand

„Entschuldigung, haben Sie sich während Ihrer Schulzeit oft gelangweilt? Oder als Jugendlicher öfter die Schule geschwänzt?“ 170 Jugendliche und Erwachsene schwirren durch das Atrium der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung, alle mit Zetteln in der Hand. Sie sind auf der Suche nach Gesprächspartnerinnen und -partnern. „Wer hat für Harry Potters Schulleiter Albus Dumbledore geschwärmt?“ ruft jemand, Gelächter in der sonst so ehrwürdigen Halle der Stiftung. Ein Ziel des Forums „SchulWEGE selbständig gehen, gestalten, verantworten“ der Deutschen Schulakademie zu Individuellen Bildungsverläufen ist das Vernetzen. Mit dem „Interview-Bingo“ gleich zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung, gelingt das mühelos. Impressionen des Forums erhalten Sie in unserer Bildergalerie.

Schulleitungen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler von 80 Schulen, darunter 26 Schulpreis-Träger, sind zu der Tagung nach Berlin gekommen, ebenso Aus- und Fortbilder, Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen, Wissenschaft und Verwaltung. Sie alle treibt die Frage um, wie Bildungsgänge flexibilisiert werden können, damit Kinder und Jugendliche ihre Bildungsbiografie stärker selbst gestalten können. „Mit dem Forum suchen wir nach guten Beispielen, innovativen Ideen und Konzepten - auch außerhalb von Schule - , um das Lernen für die Schülerinnen und Schüler intensiver und passgenauer zu gestalten, damit sie ihre Potenziale besser entfalten können“, sagt Barbara Riekmann. Die ehemalige Schulleiterin der Max-Brauer-Schule in Hamburg ist die Projektleiterin des Forums.

„Das Thema Individuelles Lernen kommt zu wenig in meinem Studium vor“, sagt Marie Seegers. Sie studiert im dritten Semester Lehramt an der FU Berlin. Auf dem Forum der Deutschen Schulakademie sucht sie deshalb gezielt nach Anregungen. „Mir gefällt, dass hier so viele Schulen sind und es nicht nur ein gutes Beispiel gibt.“ Martin Plant leitet die Jenaplan-Schule in Rostock. Gerade ist der Aufbau einer Oberstufe an seiner Schule genehmigt worden. Er sucht Modelle für individuelles Lernen in der Sekundarstufe II. Und Julia Schaaf ist Lehrerin einer Willkommensklasse. Ihre 13 Schüler haben 8 verschiedene Nationalitäten, die Sprachbarrieren und auch die traumatischen Erfahrungen machen das Lernen sehr schwierig. Julia Schaaf war bereits bei dem ersten Forum der Deutschen Schulakademie im Dezember zum Thema Flüchtlinge, nun erhofft sie sich weitere Unterstützung. 

In seinem Vortrag über „Übergänge – Standardisierung, Individualisierung, Schulzeit in biografischer Perspektive“ erklärt Professor Dr. Klaus-Jürgen Tillmann, dass seit den 60er Jahren „eine Entstandardisierung von Lebensläufen“ stattfinde. Tillmann: „Der Berufseintritt mit 18, die Heirat zwischen 20 und 25, das erste Kind spätestens mit 25 – all diese sozialen Normierungen des vorigen Jahrhunderts haben sich weitgehend aufgelöst.“ Doch während die Individualisierung in der Gesellschaft weiter voran schreite, nehme die Normierung der Schullaufbahn weiter zu. Die frühe Einschulung, die G8-Reform des Gymnasiums und die Umstellung auf Bachelor und Master an der Hochschule führten zu einer engeren Altersnormierung und schnelleren Durchlaufzeiten. Übergänge im Bildungssystem, so Tillmann, böten dabei häufig die Gefahr des Scheiterns, denn sie seien mit Leistungsauslese verbunden. 38 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der Klasse 1 bis 10 würden dies während ihrer Schullaufbahn zu spüren bekommen – weil sie eine Klasse wiederholen müssten (23 Prozent), abgeschult würden (zehn Prozent) oder auf eine Sonderschule verwiesen würden (fünf Prozent), rechnet der Erziehungswissenschaftler vor. Doch er habe den Eindruck, sagt er zum Ende seines Vortrags unter Applaus, es gebe durchaus Anzeichen für mehr „pädagogischen Widerstand“ von Eltern und Heranwachsenden gegen diese Normierung.

„Ist jedes Kind begabt? Ganz klar ja!“, sagt Professor Dr. Christian Fischer. Während Tillmann vor allem das System in den Blick nimmt, richtet er in seinem Vortrag: „SchulWEGE – Möglichkeiten zur optimierten Gestaltung von individuellen Lernprozessen“ den Fokus auf das einzelne Kind. Der Begabtenforscher spricht darüber, dass es vielfältige Begabungen gebe, die zu erkennen nicht nur eine Frage von fachlicher Diagnostik sei, sondern auch von der Haltung der Lehrkraft . „Lehrpersonen neigen dazu, die Potenziale von Kindern zu unterschätzen.“ Viele Schülerinnen und Schüler seien in der Lage, mehr zu leisten, als ihnen zugetraut werde. Eigenständigkeit, Erfolgserlebnisse und Eingebundenheit nennt Fischer als wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen.

Christoph, Florian und Nora sitzen mit 20 Erwachsenen im Kreis. Die drei Jugendlichen gehen in die zwölfte Klasse der Jenaplan-Schule Jena. Sie erklären in dem Workshop „Individuell lernen in Beziehungen“ wie sie ihre Schulzeit erleben. Am zweiten Tag arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in sieben Workshops, vorbereitet von Schulvertretern. „Also ich habe bisher keinen schweren Übergang erlebt“, sagt Nora. „An unserer Schule tauscht man sich aus, lernt in Tischgruppen und in den gemischten Jahrgängen helfen sich Kleine und Große.“ Früh lernen die Schülerinnen und Schüler ihre Projekte zu präsentieren - und das merkt man ihnen an. Souverän und sicher stellen die Jugendlichen ihre Schule vor, auf ihre vorbereiteten Notizen schauen sie kaum. „Wir werden dazu erzogen, mit unseren Lehrer auf Augenhöhe zu kommunizieren, unser Verhältnis ist von Respekt geprägt“ sagt Florian. 

Zwei Türen weiter sitzen über 30 Lehrerinnen und Lehrer im Kreis und diskutieren über eine neue Oberstufe. Vertreterinnen und Vertreter der Max-Brauer-Schule Hamburg und der Evangelischen Schule Berlin Zentrum stellen vor, welche Möglichkeiten Jugendliche bei ihnen haben. An der ESBZ gehen alle für zwölf Wochen ins Ausland, suchen sich bei „Lernexpeditionen“ für Wochen eigene Projekte. „Gibt es bei Euch überhaupt noch normalen Unterricht?“ will ein Teilnehmer wissen. Die elfte Klasse biete viel Spielraum, bekommt er zur Antwort. „Was ist mit den Noten?“, fragt ein anderer. „Engagiert Euch!“ heißt es im elften Jahrgang für Schülerinnen und Schüler an der Max-Brauer-Schule Hamburg. „Das Engagement bietet auch Schwächeren die Chance zu zeigen, was sie können, das wirkt sich positiv auf die Note aus. Und es hilft bei der Berufsfindung“, erklärt Marie Bär, Lehrerin an der Hamburger Stadtteilschule.

Nach drei Stunden intensiver Arbeit in den Workshops, kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wieder im Atrium zum „World Café“ zusammen. Doch statt Tischen setzen sie sich im Kreis, immer zu fünft oder zu sechst, um eine große, weiße Pappe, rutschen zusammen und legen die Scheibe auf ihren Knien ab. Ein Tisch entsteht. Sie stecken die Köpfe zusammen und diskutieren intensiv Ideen zur Weiterentwicklung individueller Bildungsverläufe. Mit bunten Filzstiften entstehen Bilder von Schülern, die auf Autobahnen Richtung Schulabschluss unterwegs sind, daneben verschlungene Pfade durch ein Dickicht, die ebenfalls zum Ziel führen. Anmerkungen wie „Scheitern ist erlaubt“ stehen daneben. „Nein, das ist die falsche Haltung“, empört sich eine Lehrerin, nachdem sie sich an den „Tisch“ gesetzt hat, die Gruppen werden nach 20 Minuten neu gemischt. „Die Haltung finde ich nicht richtig“, kritisiert sie, „bei individuellen Lernverläufen kann es doch kein Scheitern geben“ – „Wieso?“, fragt ihr Tischnachbar. „Na, weil jeder das erreicht, was er schaffen kann“ – „Aber es wird doch wohl noch Fehler geben?“ – „Ja sicher, die gehören doch zum Lernen dazu!“ Im großen Saal der Robert Bosch Stiftung unter der Glaskuppel herrscht Aufbruchstimmung, und die Erkenntnis setzt sich durch: Die Schulen haben oft mehr Spielräume, als den Akteuren bewusst ist. „Rahmenbedingungen besser ausschöpfen“ steht denn auch auf einem „Tisch“; gleich daneben die Notiz: „mehr Lobbyarbeit für flexiblere Rahmenbedingungen“. Am Ende wünschen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer neben der Vernetzung und Wertschätzung für den einzelnen Schüler und die einzelne Schülerin vor allem eine Kultur der Ermöglichung. 

„Das Forum ist für die Deutsche Schulakademie ein Format zur Sondierung“, sagt Professor Dr. Hans Anand Pant zum Abschluss der zwei Tage. Und er verspricht: „Wir prüfen nun: Welche Themen sollten wir weiter verfolgen? Und wo können wir bestehende Angebote der Deutschen Schulakademie anpassen?“ Teile der Ergebnisse könnten in Fortbildungen wie Pädagogische Werkstätten einfließen, so genannte „Innovationslabore“ könnten dazu genutzt werden, auch „unkonventionelle Ideen weiter zu spinnen“, so der Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie. In jedem Fall wird es einen weiteren Workshop zur Auswertung geben. Bis dahin gilt die Losung, die ein Gast während des „World Cafés“ auf einer Tischdecke notiert hat: „Trau dich, frag nicht!“