Beim Forum „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“ herrschte Aufbruchsstimmung: Die 210 Teilnehmenden entwickelten neue Lernformate, diskutierten über Zugänge und alternative Abschlussformate – zusammengefasst als „Denkanstöße“.

Denkanstöße für eine neue Lernkultur
Bildnachweis: David Weyand

 „Wir hatten tolle Lehrer, aber ich hätte mir in der Oberstufe mehr Praxisbezug gewünscht“, sagt Fabiola, die 2014 In Hamburg Abitur gemacht hat. „Wie man Bafög-Anträge ausfüllt oder Verträge macht, zum Beispiel.“ Ella kritisiert den Druck, der durch die Noten entstanden sei. Zu viele schlaue Köpfe würden aussortiert, weil ihre Noten nicht gut genug waren, um in die Oberstufe zu gehen. Anton, der in den nächsten Tagen Klausuren schreibt, vermisst, dass nicht mehr das Lernen an sich im Vordergrund stehe, sondern es nur noch darum gehe, Leistung abzuliefern. Und Jakob betont, wie wichtig es sei, auch Scheitern zuzulassen, um zu lernen. Die jungen Erwachsenen sitzen auf der Bühne des großen Saals im Pfefferwerk in Berlin am Prenzlauer Berg. 

Schülerinnen und Schüler beim Forum der Deutschen Schulakademie

Bildnachweis: David Weyand

Unten im Saal sitzen dicht gedrängt rund 210 Teilnehmende aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik. Auch mehr als 150 Vertreterinnen und Vertreter von Schulen und 35 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland sind zum Forum der Deutschen Schulakademie „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“ gekommen, darunter viele Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises. Auch Elternvertreter sitzen im Publikum. Sie alle sind nach Berlin gekommen, um gemeinsam nach alternativen Lernformen für die Oberstufe zu entwickeln. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch die Veranstaltung: Wie kann der Weg zum Abitur gestaltet werden, damit möglichst viele Jugendliche zu hoher Bildung geführt werden können?

Prof. Dr. Anne Sliwka von der Universität Heidelberg greift die Forderungen der Abiturienten und Abiturientinnen in ihrem Vortrag: „Das Abitur im Kontext des 21. Jahrhunderts: Passt die Oberstufe noch zu den Anforderungen zur Berufswelt?“ auf und erläutert, wie im internationalen Vergleich junge Erwachsene an den Abschluss herangeführt werden. In Kanada und Finnland könnten Kurse und Prüfungen wiederholt werden, erklärt sie. Prinzip sei es dabei, statt starren Vorgaben auf Anreize für Lernen und Leistung zu setzen. „Ein flexibleres Kurssystem würde eine Balance zwischen Breite und Tiefe, Kanon und Freiheit, Lernprozess und Prüfung ermöglichen. Dies würde sowohl dem Bedürfnis nach einem zeitgemäßen Umgang mit Heterogenität, dem Trend zur Personalisierung von Lernprozessen und dem moralischen Gebot von Chancengerechtigkeit entgegenkommen“, so Sliwka. Sie fordert: „Less Teaching for more Learning.“ In Singapur wurden dazu 25 Prozent der Bildungsplaninhalte gestrichen. In Deutschland sei die Gretchen-Frage: Worauf verzichten wir, um Tiefe zu ermöglichen? Außerdem kritisierte die Erziehungswissenschaftlerin, dass die Leistung eines Schülers oder einer Schülerin nach wie vor am Leistungsstand der Lerngruppe gemessen werde (soziale Bezugsnorm), statt am Lernziel (kriteriale Bezugsnorm).

Workshops beim Forum "Oberstufe neu gestalten"

Bildnachweis: David Weyand

Zwei Tage arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums in insgesamt elf Workshops, geleitet von 22 Schulpraktikern und -praktikerinnen. Im vierten Stock des Pfefferwerks, in einem nüchternen, weiß gestrichenen Seminarraum, sitzen 24 Personen im Stuhlkreis und hören Marie Bär und Gunnar Klick von der Max-Brauer-Schule zu, die in dem Workshop „Lernen in Zusammenhängen – fächerübergreifende Profile“ (Workshop 5) die Profile und Projekte der Hamburger Stadtteilschule vorstellen. Im Publikum sind viele Schulleitungen aus dem gesamten Bundesgebiet, die neue Oberstufen aufbauen wollen. Andere wiederum wollen wissen: Wie können wir Projektarbeit, die wir bereits erfolgreich in der Sekundarstufe I anbieten, in die Oberstufe retten?

Im Keller, in der sogenannten „Pool-Lounge“, sitzen dicht gedrängt 22 Lehrkräfte in einer Art leeren Becken. Über ihnen schimmert eine Disko-Kugel. Die Bar des Partyraums bleibt unbeachtet – sie entwerfen lieber Prototypen, für eine „Neue Lernkultur für die Oberstufe“ (Workshop 11) und skizzieren diese an Stellwänden mit bunten Post-It-Zetteln. Das ganze Pfefferwerk ist voller Energie, es herrscht Aufbruchsstimmung. In allen elf Workshop-Räumen diskutieren Lehrkräfte, Wissenschaftler, Schülerinnen und Schüler, Vertreter von Verwaltung und Politik: Wie geht man mit Vorgaben der Schulverwaltung um? Welche Gestaltungsräume gibt es? Denn davon gibt es mehr als den meisten bewusst ist. Und wie lassen sich Kolleginnen und Kollegen motivieren, die abwinken und sagen: „Funktioniert doch alles nicht“? 

Gerüst für das zweitägige Forum sind sogenannte „Denkanstöße“: Insgesamt zehn Impulse, die von der Vorbereitungsgruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern von neun Schulen, erarbeitet wurden. „Damit wollen wir bei den Teilnehmenden das Denken anstoßen und außerdem `anstößig sein´ - der Begriff steckt ja auch in dem Wort“, erklärt Barbara Riekmann vom Programmteam der Deutschen Schulakademie, die ebenfalls an der Vorbereitung beteiligt war. Zentrale Punkte:

Zugänge für die Oberstufe überdenken
Heute sind die formalen Voraussetzungen für den Übergang von der Sekundarstufe I in die Oberstufe, insbesondere bei Geflüchteten, oft zu starr geregelt. Gefordert sind kreative Lösungen.

Berufs- und praxisbezogene Lernformen ermöglichen
Fähigkeiten für den Übergang in den Beruf oder an die Hochschule lernen Schülerinnen und Schüler in zeitgemäßen Arbeits- und Sozialformen. Zukünftig prägen Selbstlernzeiten, Teamarbeit und fächerübergreifendes Lernen den Unterricht.

Außerschulische Lernorte einbeziehen
Berufliche und gesellschaftliche Fragen bieten wichtige Lernanreize. Deshalb gilt auch für die Oberstufe: Raus aus der Schule und außerschulische Expertinnen und Experten rein in die Schule.

Abitur im eigenen Takt zulassen
Die Schülerinnen und Schüler lernen in ihrem Tempo, setzen eigene Schwerpunkte und gestalten ihre Lernbiografie durch die Wahl von Bausteinen individuell. Die gesamte Dauer der Oberstufe soll flexibler gestaltet werden.

Vielfältige Formate bei der Abiturprüfung anbieten
Während der Oberstufe und im Abitur werden auch alternative Formen des Leistungsnachweises ermöglicht, zum Beispiel Präsentationen, Forschungsarbeiten, Zertifikate und Leistungspunkte für erfolgreich abgeschlossene Kurse mit unterschiedlichem Vertiefungsniveau.

Beim Abschluss der Tagung bedankt sich eine der Teilnehmerinnen im vierten Stock mit den Worten: „Ihr habt mir deutlich gemacht, wie es möglich sein kann, trotz aller Vorgaben, auch in der Oberstufe weiter in Projekten zu arbeiten.“ Die Schulleiterin einer Gemeinschaftsschule in Tübingen neben ihr sagt: „Ich nehme ganz viele einzelne Bausteine mit und bin jetzt sehr motiviert, an dem Aufbau unserer Oberstufe weiterzuarbeiten – in unserer Konzeptionsgruppe gab es schon immer mal ein Tief.“ Im Keller, in der Pool-Lounge, sagt Helmut Thiel, Leiter der Johannes Gutenberg Gemeinschaftsschule Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt: „Der Andrang zeigt, wie groß das Bedürfnis ist, etwas zu ändern. Für mich ist diese Bestätigung wichtig, dass wir dabei nicht allein sind, aber ich habe auch neue Ideen bekommen.“ Und dann wünscht er sich noch mehr Öffentlichkeit für das Thema und Verbündete auf der Ebene der Schulverwaltung. Da gibt es in Zukunft noch einiges zu tun.

Hans Anand Pant, Forum der Deutschen Schulakademie

Bildnachweis: David Weyand

„Nach sorgfältiger Auswertung der Ergebnisse wird die Deutsche Schulakademie prüfen, mit welchen Angebote sie Schulen in ganz Deutschland unterstützen kann, neue Wege zum Abitur zu entwickeln. Wir bleiben an dem Thema dran!“, verspricht Prof. Dr. Hans Anand Pant am Ende der Tagung.