„Willkommen. Ankommen. Weiterkommen – mit Flüchtlingen Schule neu denken“ lautete der Titel des Forums, zu dem die Deutsche Schulakademie über 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Schulen, Ministerien und Hilfsorganisationen eingeladen hatte

Bildnachweis: David Weyand

„Augen auf, mit Überraschungen ist zu rechnen“, steht auf einem Plakat im Tagungswerk Jerusalemkirche in Berlin-Kreuzberg. Über 160 Menschen sitzen auf konzentrisch gerückten Stuhlkreisen im Saal, in der Mitte ergreift die Moderatorin das Wort und fragt: „Wer ist Schüler? Bitte aufstehen.“ Neun Jugendliche erheben sich. „Ok, bitte setzen. Wer ist Lehrkraft oder in der Schulleitung?“ Zwei Dutzend Personen stehen auf. Und setzen sich wieder. Es folgen jeweils eine Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Schulträgern, Bildungsministerien, Stiftungen, der Arbeitsagentur, Ausländerbehörden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie Psychologinnen und Psychologen aus dem ganzen Bundesgebiet, im Grunde alle, die sich professionell mit „Schule“ und „Flüchtlingen“ beschäftigen. Dann die letzte Frage: „Wer hat Fluchterfahrungen in der eigenen Familie – persönlich oder durch Eltern und Großeltern?“ – Die Mehrheit der Anwesenden steht auf.

Die erste Überraschung. Sie zeigt, wie sehr das Thema Flucht in unserer Gesellschaft verankert ist, dass es so neu gar nicht ist. Dennoch erfordert die aktuelle Situation mit vielen Hunderttausend Geflohenen aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, Irak oder Somalia, besondere Antworten – vor allem im Schulsystem. Doch was genau sind die Herausforderungen? Welche Fragen und Sorgen haben Jugendliche und Eltern, Lehrkräfte und Schulleiter, aber auch Verwaltung und Politik? Was benötigen Kinder mit Fluchterfahrung für eine schulische Betreuung? Und was gibt es für Leuchtturm-Projekte, von denen man lernen kann? 

„Bildung ist und bleibt der Schlüssel zur Teilhabe an Gesellschaft“, sagt Professor Dr. Hans Anand Pant, Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie. „Die Deutsche Schulakademie sieht die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung als wichtiges Arbeitsfeld. Um Schulen, aber auch Jugend-hilfe-Organisationen und andere Träger zusammen zu bringen, veranstalten wir dieses Forum.“

Eine weitere Überraschung ist für viele Teilnehmer das Veranstaltungsformat, „Open Space“. Statt festgelegter Seminare und Vorträge, kann jeder, der über etwas sprechen möchte, sein Anliegen auf ein Plakat schreiben und kurz im Plenum vorstellen: „Sind Willkommensklassen eine gute Idee?“, „Was kann die universitäre Lehrerbildung tun?“, „Wie lassen sich Freiwillige einbinden?“, oder „Schüler helfen Flüchtlingen“. Frage, Projektidee, Vernetzungswunsch – insgesamt 46 Anliegen kleben schließlich an einer Wand. Nach der letzten Eingabe, scharen sich die Teilnehmenden davor. Konzentrierte Blicke wandern noch einmal über die Vorschläge, Zeiten und Raumnummern werden notiert. Viel Zeit bleibt nicht, es beginnt die erste Arbeitsphase. 

Auch Amina, 22 Jahre, liegt etwas auf dem Herzen. Die junge Frau floh mit 17 Jahren alleine aus Dagestan, einer russischen Kaukasusrepublik, und lebt seitdem in Kiel. Warum sie fliehen musste, darüber will sie nicht sprechen – „zu gefährlich“. Statt über die Vergangenheit will sie über die Zukunft diskutieren, ihre Zukunft an einer deutschen Schule: „Wie soll ich als Schülerin hundert Prozent Leistung geben, wenn ich gleichzeitig Angst habe, zurückgeschickt zu werden?“, fragt sie. Zehn Personen diskutieren mit ihr über den Duldungsstatus, ein Lehrer sagt: „Die Angst vor Abschiebung untergräbt unsere Bildungsarbeit, viele Schüler sind demotiviert.“ Eine Frau schlägt vor, Amina könnte sich an die Härtefallkommission ihres Bundeslandes wenden. „Deine Schule kann dir in einem Gutachten ‚nachweisbare Integrationsleistungen’ attestieren“, empfiehlt sie.

Dass Amina die Schule wichtig ist, steht außer Frage. Obwohl sie anfangs wegen geringer Deutschkenntnisse auf eine Förderschule kam, hat sie mittlerweile den Hauptschulabschluss in der Tasche. „Am wichtigsten war meine Lehrerin, sie hat mich immer motiviert“, sagt Amina. Jetzt geht sie in eine Klasse mit besonderer Sprachförderung und peilt den Realschulabschluss an. „Deutsch sprechen kann ich ganz gut, nur das Schreiben fällt mir noch schwer“, sagt sie. „Aber ich bin Widder, ich kämpfe!“. Zudem bekomme sie psychologische Hilfe, um auch emotional mit dem Druck und der Angst umgehen zu können. Im April läuft ihr Aufenthaltstitel aus, schon bald muss sie sich um die Verlängerung bemühen.

Auf den Fluren des Tagungswerks wird es laut, eigenverantwortlich beenden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Veranstaltungen. Nach einer Stunde steht eine neue Runde an. Die Dynamik ist gewollt, sie soll Denkprozesse und den Austausch fördern. Dabei muss niemand dort bleiben, wo er begonnen hat. Wer mag, kann jederzeit zu einem anderen Anliegen wechseln. Wichtig ist aber, dass jemand Protokoll führt, das anschließend an die „Doku-Wand“ kommt. So erfährt jeder, was bei anderen Seminaren besprochen wurde und man kann sich dank Teilnehmerliste später noch vernetzen. Die meisten sind längst dabei: Intensive Gespräche überall, Gemurmel, Lachen, Fragen an die Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung. Die Menschen hier wollen voneinander lernen und es gemeinsam anpacken. Ihre Energie und ihr Optimismus sind spürbar, Tenor: „Wir schaffen das!“.

Es werden aber auch Sorgen und Ängste angesprochen. Ein Schulleiter bittet in der nächsten Runde um den Erfahrungsaustausch: „Wie sollten wir uns mit besonderen kulturellen oder religiösen Ausprägungen verhalten?“ Woanders geht es um die Frage, wie sich konfliktfrei unterrichten lässt, wenn die politischen Krisen bis ins Klassenzimmer schwappen. Ein türkischstämmiger Deutschlehrer erzählt von heftigen Auseinandersetzungen zwischen jesidischen und sunnitischen Schülern. Und haben nicht eh alle Kinder mit Fluchterfahrung ein Trauma? Hier mahnt eine Expertin zum vorsichtigen Umgang mit dem Begriff. Nicht jedes Kind reagiere gleich, bei Schwierigkeiten dürfe man nicht gleich ein Trauma unterstellen. 

Am zweiten Tag geht es morgens weiter in den kleinen Diskussionsrunden. Sprachförderung, Motivation, Inklusion, Schulformen, Unterrichtsgestaltung, Lehrerausbildung, Lernräume, digitale Medien – die Themenvielfalt ist groß, aber neu und unbekannt sind die Schlagwörter nicht. Im Gegenteil: Sie sind seit langem Teil des Diskurses um Reformen im Schulsystem. Und so setzt sich im Laufe der Veranstaltung der Eindruck durch, dass die aktuelle Flüchtlingssituation zwar Anlass für weitere Diskussionen ist, dass es aber ganz grundsätzlich um die Entwicklung und Neuausrichtung von Schulen geht. Wie kann Schule in Zukunft aussehen? Wie können Kinder aus unterschiedlichen Ländern und Familien, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Begabungen gemeinsam lernen und sich individuell bestmöglich entwickeln? Welche Akteure spielen dabei eine Rolle und wie können sie optimal zusammenarbeiten? 

Einfache Lösungen sind nicht das Ziel der Veranstaltung. Die Deutsche Schulakademie will den vielen Fragen einen Raum geben, Akteure zusammenbringen, ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind, dass es bereits Ideen gibt und erprobte Konzepte an Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises , dass man gemeinsam Lösungen entwickeln kann. Und dennoch stehen am Ende schließlich 20 konkrete Projektideen auf Plakaten, etwa ein „Deutsch als Zweitsprache“-Netzwerk, ein Kochabend für Flüchtlinge und Schüler oder eine „Roadshow“ quer durch die Republik, um Erfahrungen auszutauschen. Ob sie umgesetzt werden, wann und von wem, das hängt von der Energie und dem Gestaltungswillen der Teilnehmenden ab. Deutlich spürbar ist auf jeden Fall die Aufbruchsstimmung. Und so klingt am Ende der Wunsch nach weiteren, auch regionalen Treffen dieser Art an. Geschäftsführer Pant verspricht: „Die Deutsche Schulakademie bleibt an dem Thema dran. Wir prüfen nun welche Konzepte eignen sich für Transfer und Transformation. Dabei wird es keine One-Fits-All-Modelle oder Lösungen geben. Sondern es geht um Vielfalt. Die Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrung sind schließlich auch keine homogene Gruppe, sondern vielfältig und überraschend.“