Bei der Vorbereitung des Forums zu individuellen Bildungsverläufen sprachen Projektleiterin Barbara Riekmann und Schulleiter Frank Ahrens über Spielräume und Freiheiten des Schulsystems, Leistung und ihre ganz persönlichen Bildungsbiografien

Bildnachweis: Die Deutsche Schulakademie

Frau Riekmann, warum veranstaltet die Deutsche Schulakademie ein Forum zum Thema individuelle Bildungsverläufe?

Barbara Riekmann: Die Bildungsverläufe in Deutschland sind normiert. Es gibt Übergänge und Prüfungsphasen in Schulen, die für alle Kinder und Jugendliche gleich sind. Das ist zunächst durchaus eine Errungenschaft, da dies einen einheitlichen Rahmen setzt und für Chancengerechtigkeit sorgt.  Andererseits aber verläuft die Art und Weise wie Kinder lernen, nicht linear: Sie lernen sprunghaft und diskontinuierlich. Darauf hat Schule bisher noch nicht genug Antworten gegeben. Die Schülerinnen und Schüler können ihre Lernbiografie immer noch zu wenig selbst schreiben. Nicht nur die Schulpreisschulen, auch viele weitere Schulen zeigen, dass sie auf die Vielfalt der Talente der Kinder mit individuellen Lernformen reagieren. Aber da ist noch Luft nach oben. Mit dem Forum suchen wir nach guten Beispielen und innovativen Ideen und Konzepten - auch außerhalb von Schule- , um das Lernen für die Schülerinnen und Schüler  intensiver und passgenauer zu gestalten, damit sie ihre Potenziale besser entfalten können,  

Geraten die Schulen durch den Zustrom von Flüchtlingen zusätzlich unter Druck sich zu ändern?

Barbara Riekmann: Auf alle Fälle, denn die Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrung ist äußerst heterogen. Dem kann man weder vom Unterricht noch von der Struktur her mit Gleichschritt begegnen. Auf dem Flüchtlingsforum der Deutschen Schulakademie Anfang Dezember 2015 in Berlin haben sich die anwesenden Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung beklagt, dass sie keinen „Nachteilsausgleich“ erhalten, weil sie die deutsche Sprache nicht perfekt beherrschen. Sie forderten ein, dass auch ihre Stärken mit in den Blick genommen werden. Was etwa wäre, wenn man außer der englischen Sprache auch ihre Muttersprache mit in das Portfolio nähme? Wie kommen bei gleichzeitiger Sprachaneignung ihre Stärken zur Geltung? Es sind häufig ja unterbrochene Bildungsbiografien, die jetzt passgenaue Fortsetzungen brauchen. Eine Antwort wird sich hier aus meiner Sicht nicht nur durch Vielfalt und Individualisierung des Unterrichtes finden lassen. Vielmehr muss hier auch über flexiblere Formen – auch flexiblere zeitliche Abläufe – in den Ministerien und Senatsverwaltungen nachgedacht werden. Da muss sehr genau auf den Einzelfall geschaut werden. Das Bildungssystem, das auf Normierung und Standardisierung setzt, ist jetzt stark gefordert, flexiblere und passgenauere Formen zu finden. Wenn das gelingt, nützt es auch den Schülerinnen und Schülern, die bereits jetzt zur Schule gehen.

Herr Ahrens, warum setzen Sie sich für die Individualisierung von Bildungsverläufen ein?

Frank Ahrens: Wir wissen alle, dass wir keine fertigen, universell gültigen Konzepte haben. Sondern wir sind gemeinsam auf der Suche nach guten, sinnvollen Formaten, die tatsächlich dem einzelnen Schüler und der einzelnen Schülerin nützen. Dazu müssen wir die Normierung und Standardisierung von Schule weiten und uns mehr Spielräume verschaffen. 

Haben Schulen denn dazu bisher keine Möglichkeiten?

Frank Ahrens: Natürlich haben wir Schulen Spielräume. Aber sie werden zu wenig genutzt. Weil wir Pädagogen uns zu sehr als Dealer verstehen: Wir müssen den Stoff schaffen! Wir sind in Schule so abhängig und atemlos in unseren Abläufen. Deshalb lernen die Schülerinnen und Schüler allzu häufig nur für den Test, statt für sich selbst. Das ist kein erfolgreiches Lernen.

Barbara Riekmann: Viele Lehrerinnen und Lehrer trauen sich nicht, die Freiheiten, die ihnen das System bietet, zu nutzen. Wir möchten sie ermuntern kreativ zu werden, und mit Beispielen und Ideen hierzu Mut machen. Die Vorstellung, dass Kinder linear lernen, verhindert häufig, dass sie zur richtigen Zeit verständnisintensiv und adaptiv lernen können. Warum  soll man einem Kind, das ein Thema für sich entdeckt hat, hierfür nicht Raum und Zeit geben? Warum zum Beispiel soll ein Jugendlicher, der sich hierfür begeistert  nicht drei Monate zusammen mit Gleichgesinnten Theater spielen? Das ist intensivstes Lernen, das viele Kompetenzen fordert und das erreicht und stärkt die Synapsen des Gehirns.

Frank Ahrens: Dazu bräuchten wir mehr Wissen in der Schule wie Schülerinnen und Schüler lernen, welche Wege sie bei der Aufnahme und beim Output gehen. Diese Kenntnisse sind leider noch nicht bei allen Lehrkräften angekommen. Und wir brauchen außerschulische Partner.

Hätten Sie sich in Ihrer eigenen Schulzeit mehr Spielräume und Freiheiten fürs Lernen gewünscht?

Barbara Riekmann: Meine eigene Schulzeit hätte gut und gern zeitlich eingedampft werden können – so eine Aussage höre ich übrigens auch heute von vielen Absolventen und Absolventinnen. Wir leisten uns einfach  zu viel Leerlauf! Und dies trotz oder gerade wegen der großen Stofffülle. Andererseits erinnern wir uns an Phasen in unserer Schulzeit, die sehr intensiv und lernbiografisch bedeutsam waren. Im Blick auf unsere Lernbiografie verstehen wir unsere eigene Diskontinuität und sehen „unseren“ Leerlauf. Im Nachhinein hätte ich noch besser und intensiver lernen können, wenn die Schule anders gestaltet gewesen wäre. Sehr viel habe ich während meiner Freizeit im Schwimmverein und im Akkordeon-Orchester gelernt. Das waren meine außerschulischen Lernorte. Im Schwimmverein habe ich erfahren, wie wichtig Motivation und Selbstvertrauen für die Leistung sind. Im Akkordeon-Orchester habe ich gelernt, auf andere zu hören und es in mein Spiel zu integrieren.  Die Ausbildung solcher personalen Kompetenzen sind anerkanntermaßen zukünftig von außerordentlicher Bedeutung. Auf sie sollte bei der Gestaltung individueller Bildungsverläufe in der Institution Schule ein besonderes Augenmerk gelegt werden.    

Frank Ahrens: Ich habe so Schule erlebt, dass mir vorgegeben wurde: Du hast den Stoff in der vorgegebenen Zeit zu lernen. Und Schluss. Alles andere hat Schule nicht interessiert. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass meine künstlerisch-musischen Interessen mehr Raum gefunden hätten. Viele Schulen sind heute immer noch so, machen wir uns nichts vor. Wenn einem Mädchen oder Jungen klar wird: „Das ist mein Weg, dieses Ziel will ich erreichen!“, muss der Lehrer oder die Lehrerin davon wissen. Aber häufig weiß er nichts davon, denn dazu müsste es eine Beziehung zwischen Schüler und Lehrer geben, einen ständigen Austausch zwischen Schule, Familie und Verein, oder was auch immer gerade eine wichtige Rolle im Leben des Kindes oder des Jugendlichen spielt. Da ist Schule oft sprachlos. 

Viele Eltern und auch Lehrkräfte fürchten, dass es in der Schule, so wie Sie es entwerfen, zu einfach würde und die Bildungsstandards gesenkt würden.

Frank Ahrens: Unsere Kinder werden am Ende trotz Schule auch Menschen. Aber ich bin überzeugt, dass wir Ihnen noch viel bessere Startbedingungen geben könnten – und müssen. Alles dem Abitur unterzuordnen ist nicht der richtige Weg. Wir haben zunehmend Schüler, die nicht so stringent lernen können, wie die Mädchen und Jungen, die heute das Abitur in acht Jahren am Gymnasium machen. Denen müssen wir Wege aufzeigen, wie sie ihr Potenzial entfalten können. Schule sollte unterstützen, nicht behindern. Das bedeutet aber auf keinen Fall, eine Kultur der Beliebigkeit zu entwickeln.

Barbara Riekmann: Weil das Abitur die Berechtigung fürs Studium ist, kann ich bei dem Abschluss diese Standardisierung nachvollziehen...

Frank Ahrens: Einverstanden!

Barbara Riekmann: ...aber auf dem Weg zum Abitur brauchen die Schüler Zeit und Spielräume – so wie bei der Initiative „Abitur im eigenen Takt“, der sich zum Beispiel das Firstwald Gymnasium in Mössingen angeschlossen hat. Dann kann am Ende auch eine standardisierte Prüfung stehen. Aber ich kann nicht nachvollziehen, warum die Prüfungen für den ersten und zweiten Bildungsabschluss derart standardisiert sein müssen. Dort könnte man doch mit besonderen Lernaufgaben oder Creditpoints arbeiten. Insgesamt möchte ich mehr Leistung. Aber auf dem Weg zu mehr Leistung möchte ich weniger Schulversager. Mehr Potenzialentfaltung und weniger Verlierer.

Interview: Catrin Boldebuck, Deutsche Schulakademie

Barbara Riekmann ist ehemalige Schulleiterin der Max-Brauer-Schule in Hamburg. Ihre Schule erhielt 2006 den Deutschen Schulpreis. Seit 2014 ist Barbara Riekmann Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie.

Frank Ahrens ist Schulleiter der Jenaplan-Schule Jena. Die Gemeinschaftsschule wurde 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet und ist seitdem aktiv im Netzwerk der Preisträgerschulen der Deutschen Schulakademie.