Zur Demokratie finden Kinder nicht von selbst. Demokratisches Verhalten muss vorgelebt, gelernt und geübt werden. Schule ist dafür der Raum „par excellence“.

Gelebte Demokratie: das Schülerparlament der Schiller-Schule Bochum
Gelebte Demokratie: das Schülerparlament der Schiller-Schule Bochum, Bildnachweis: traube47

Mit dem Thema „Demokratie lernen und leben“ stärkt die Deutsche Schulakademie den Auftrag von Schule, Heranwachsende zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu bilden.

Unsere Gesellschaft versteht sich als Solidargemeinschaft. Diese ist gegenwärtig stark herausgefordert. Die Folgen der Globalisierung, die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen und die ungerechte Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen führen weltweit zu sich verschärfenden Gegensätzen und – daraus resultierend – zu politischen Konflikten.

Schule ist angesichts dieser Entwicklungen mehr denn je gefragt, Kinder und Jugendliche dafür zu gewinnen, global und demokratisch zu denken, zu handeln und sich gegenüber Gesellschaft und Umwelt verantwortungsbewusst zu verhalten. Schule ist dafür der Raum „par excellence“: Hier treffen Kinder und Jugendliche auf Vorbilder und Lernsettings, die sie zum nachhaltigen Handeln befähigen. Sie erhalten

  • Zeit für das Verstehen von komplexen Zusammenhängen in der globalen Welt,
  • verlässliche Informationen und positive Deutungsmuster,
  • Räume für Kooperation, Kreativität und Engagement.


Globales Denken und Demokratie entscheidet sich in Schulen

Weltoffenheit, globales Denken, Verantwortung und Demokratie können und müssen gelernt werden. Sie erfordern spezifische Kompetenzen und Reflexion über die Folgen des eigenen Handelns. Gute Schulen vermitteln die Erfahrung, dass es Sinn macht, Verantwortung zu übernehmen und sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen. Sie regen dazu an, das eigene Handeln im Kontext globaler und lokaler Entwicklung zu reflektieren, um realistisch Handlungsoptionen einschätzen zu können und zu erproben. Ob sich die Grundwerte unserer Gesellschaft in Zukunft behaupten können, entscheidet sich auch und vor allem in unseren Schulen.

Gute Schulen geben Zuversicht

Was zeichnet gute Schulen vor diesem Hintergrund aus? Die Antworten sind vielfältig:

  • Gute Schulen vermitteln Kindern und Jugendlichen die wertorientierte Einsicht, dass es sich lohnt, die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Menschen als Reichtum anzusehen, Schwächere zu schützen, und dass gemeinsam festgelegte Regeln und geltende Werte dem Egoismus der Einzelnen Grenzen setzen müssen.
  • Lehrerinnen und Lehrer leben respektvollen Umgang und gegenseitige Achtsamkeit vor.
  • Sie wecken bei den Schülerinnen und Schülern ein Interesse an anderen Kulturen, Religionen und Werten.
  • Schülerinnen und Schüler werden ermutigt und befähigt, gesellschaftliche  Verantwortung im lokalen, regionalen und globalen Kontext zu übernehmen; sei es im alltäglichen Verhalten,  beim Lernen an  fächerverbindenden Themen oder bei außerunterrichtlichen Aktivitäten z.B. für den Schutz der Umwelt; bei sozialen, politischen oder kulturellen Projekten; in Schülerfirmen oder auf Reisen.


„Auf mich kommt es an“

Dafür entwickelt die Schule geeignete Lernarragements. Schülerinnen und Schüler üben sich zum Beispiel darin, ihre Vorstellungen und Ideen überzeugend zu vertreten, Argumente dafür zu finden und sich mit Gegenargumenten auseinander zu setzen. Sie öffnen ihren Blick auf die Welt und entwickeln Empathie, Selbstbewusstsein, Phantasie und Urteilskraft.
Solchermaßen gestärkt erproben sie eigene Handlungsmöglichkeiten bei der Mitgestaltung von Gesellschaft und Umwelt. Und sie machen die Erfahrung, dass sie etwas bewirken können, dass sie mitentscheiden. Sie spüren: „Auf mich kommt es (auch) an“.

Couragiertes Handeln bestärken

Die Angebote der Deutschen Schulakademie regen Schulen an, Formen des Demokratielernens, der Schülerpartizipation und der globalen Verantwortungsübernahme zu entwickeln und in ihren Leitbildern, Schulprogrammen und Schulentwicklungsvorhaben zu verankern. Sie zielen darauf ab, die professionelle Kompetenz der Akteure im o.g. Sinne zu stärken und sie zu verantwortlichem und couragiertem Handeln zu ermutigen. Der Erfahrungsaustausch mit Preisträgerschulen ist dabei ein wesentliches Element der Arbeit. 

Demokratie lernen und leben: eine Querschnittsaufgabe für alle Fächer

Wo und wie kann in der Schule Demokratie erfahren und gelernt werden? Aktuelle Debatten zur Demokratiepädagogik beschreiben drei Ebenen, die hierfür von Belang sind:

  1. Demokratie im Unterricht,
  2. Demokratie im Schulleben und
  3. Demokratie in der sie umgebenden Gesellschaft.

Gute Schulen ermöglichen ihren Schülerinnen und Schülern, demokratische Erfahrungen auf all diesen Ebenen zu machen und aus ihnen zu lernen. Dies bedeutet:
Auf der Ebene des Unterrichts übernehmen Schülerinnen und Schüler die Verantwortung für ihr eigenes Lernen und das der Anderen in der Lerngruppe. Das setzt voraus, dass sich Lehrende und Lernende in einem vertrauens- und respektvollen Anerkennungsverhältnis begegnen. Unterschiede in den Rollen, Aufgaben, Erfahrungswelten und im Professionsstatus der Beteiligten werden dabei nicht verwischt.

Demokratie im Kleinen: die Partizipation der Lernenden

Demokratisches Lernen wird in guten Schulen als Querschnittsaufgabe aller Fächer gesehen. Dies stellt auf didaktischer Ebene eine bedeutsame Herausforderung an das schulinterne Curriculum dar, sowohl in den Fächern des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs als auch darüber hinaus. In allen Fächern erlauben und fördern gute Schulen die Partizipation der Lernenden an Entscheidungen. Dazu nutzen die Lehrkräfte die Aktivitäten der Lerngruppe, z.B. den Morgenkreis, aber ebenso die zu lernenden Inhalte. Lehrerinnen und Lehrer ermuntern alle Kinder und Jugendlichen, sich an der Gestaltung der Lernarrangements zu beteiligen. Mit differenzierten, rationalen, kommunikativen und dialogischen Formen der Leistungsbeschreibung und -beurteilung gelingt es ihnen, dieses demokratische Engagement zu würdigen.

Schule bietet demokratische Formate

Im Schulleben etablieren und nutzen die schulischen Akteure systematische und regelhafte Formen geteilter Verantwortung und Partizipation. Hierzu gehören 

  • Gremien und Handlungsformen der „verfassten Schule“ (z. B. SV, Elternbeirat),
  • organisierte Formate einer Diskussions- und Debattierkultur (z.B. „Jugend debattiert“)
  • gruppenbezogene Versammlungen (z. B. Schülerrat, Klassenrat) und
  • Formen der regelhaften Konfliktregulierung unterhalb der Ebene formalrechtlicher Regelungen (z.B. Schüler-Streit-Schlichtung).

Auch die Gestaltung des Lebensraums Schule durch partizipative und eigen- oder mitverantwortete Formen der Beteiligung (z.B. Pausengestaltung, Klassenraumgestaltung, Freizeitangebote, Schülerradio, kulturelle Veranstaltungen) ist ein wichtiger Aspekt demokratischer Erfahrungen.
Die dritte Ebene, Demokratie in der sie umgebenden Gesellschaft, wird für Kinder und Jugendliche vor allem dann fassbar, wenn sich Schulen den demokratischen Herausforderungen im Stadtteil zuwenden. Es ist an der Praxis der Schulpreisschulen gut zu erkennen, in welcher Art und Weise sie sich mit aktuellen Themen innerhalb der sie tragenden Kommune befassen. Damit weiten sie den Blick der Schülerinnen und Schüler für das Geschehen in der demokratischen Öffentlichkeit, auch über den Stadtteil hinaus.
Im pädagogischen Alltag sieht das so aus:

  • Klassen, Projektgruppen oder einzelne Schülerinnen und Schülern beteiligen sich an öffentlichen politischen Diskussionen.
  • Sie lernen und üben den gesellschaftskritischen Diskurs über Kunst, zum Beispiel im Theater, in der Musik oder im Rahmen von Ausstellungen.
  • Sie setzen sich in Projekten (zum Beispiel in Kooperation mit regionalen Tageszeitungen) mit der Aufgabe der Medien in der Demokratie und deren Funktion bei der freien und öffentlichen Meinungsbildung auseinander. 
  • Sie organisieren kritische Untersuchungen, beteiligen sich an Pressearbeit, erarbeiten Expertisen zu politischen Themen und beziehen Stellung. 


Von Erfahrungen profitieren

Auf den Punkt gebracht heißt das: Schülerinnen und Schüler guter demokratischer Schulen kennen die Themen und die Verantwortlichen ihrer Kommune aus praktischen Projekten und engagieren sich für die Demokratie. Sie verstehen, dass Demokratie nicht von selbst entsteht. Die Deutsche Schulakademie baut insbesondere bei diesem Thema auf den Erfahrungsschatz von Preisträgerschulen. Von deren engagierten Praxisbeispielen können sich andere Schulen inspirieren lassen. Deshalb organisiert die Deutsche Schulakademie Foren, bietet Anschauungsgelegenheiten auf regionaler Ebene und gestaltet eine eigene Werkstatt zum Demokratielernen.

Kompakt:

In der Schule lernen Kinder und Jugendliche die Grundwerte der Demokratie kennen. Hier erfahren sie, was Partizipation und die Übernahme von Verantwortung bedeuten und welchen Einfluss sie selbst auf das haben, was in Unterricht und Schule geschieht.  Gute Schulen öffnen sich darüber hinaus für die Themen der Kommunen. So ermöglichen sie Kindern und Jugendlichen hautnah zu erleben, welchen Regeln öffentliche demokratische Prozesse folgen. Die Deutsche Schulakademie greift praxisbewährte Ansätze der Demokratiebildung auf. Ihr Anliegen ist es, engagierten Akteuren ein Forum zu geben und interessierte Lehrkräfte an deren Erfahrungen teilhaben zu lassen.

Cornelia von Ilsemann, Dr. Wolfgang Beutel