Bei einem Arbeitstreffen des Innovationslabors „Neue Oberstufe“ fragten wir Barbara Stockmeier (Projektleiterin Neue Oberstufe, Ev. Schule Berlin Zentrum) und Hannah-Lena Uylenkate (Schülerin, Bonns Fünfte) nach den Inhalten und Zielen des Labors.

Bildnachweis: Die Deutsche Schulakademie

Mit den „Innovationslaboren“ will die Deutsche Schulakademie Freiraum für die Entwicklung kreativer Ideen und innovativer Ansätze für die Schulentwicklung schaffen. Frau Stockmeier, welche Fragen bewegen Sie im Innovationslabor „Neue Oberstufe“? 

Barbara Stockmeier: Die Kernfrage, die uns beschäftigt ist: Wie können wir unsere Oberstufen so zeitgemäß gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler sowohl die Möglichkeit haben, eine vertiefte Allgemeinbildung zu erwerben als auch ihre Persönlichkeit zu stärken und ihre Potenziale zu entfalten? Und das in einer Oberstufe, die sich als lernende Organisation versteht? Die Frage beschäftigt uns insbesondere mit Blick darauf, dass an vielen Oberstufen aktuell die vertiefte Allgemeinbildung eine deutlich größere Rolle spielt, als die Möglichkeit, sich und seine Talente kennenzulernen und in der Welt zu verorten. Ich bin überzeugt, dass die Schule und insbesondere die Oberstufe ein Ort sein muss, an dem Jugendliche die Chance haben, ihr Umfeld im Kleinen wie im Großen mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen für kleinere und größere Projekte und zu erfahren, dass man Dinge bewegen kann in der Gesellschaft. 

Sie sagten, die Oberstufe sollte eine lernende Organisation sein. Was verstehen Sie darunter?

Barbara Stockmeier: Ich verstehe darunter, dass der Schulentwicklungsprozess, den wir an unseren Oberstufen anstoßen, ein partizipativer Prozess ist. Ein Prozess, in dem Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern und außerschulische Expertinnen und Experten ihre Expertise zusammentragen, um das Bestmögliche zu kreieren. Dieser Entwicklungsprozess kann in iterativen Schleifen erfolgen. Das bedeutet, immer wieder Konzepte, Lernarrangements und Organisationsstrukturen aufs Neue verstehen, entwickeln, ausprobieren, auswerten und weiterentwickeln. Oder eben, wenn es gescheitert ist, verwerfen und loslassen. 

Und wie sind Sie auf das Thema gekommen? Warum benötigen wir eine neue Oberstufe?

Barbara Stockmeier: Es begann mit dem Forum „Oberstufe gestalten“, welches die Deutsche Schulakademie im März 2017 veranstaltet hatte. Ich war im Vorbereitungsteam für dieses Forum. Das Team bestand aus Menschen, die alle an Oberstufen arbeiten und seit langem versuchen, die Oberstufen weiterzuentwickeln. Warum dieser Fokus Oberstufe? Weil der Reformstau in Oberstufen deutlich größer ist als in Mittelstufen und Grundschulen. Unsere Mittelstufen und Grundschulen sind konzeptuell und pädagogisch oftmals viel zeitgemäßer als die Oberstufen. Sie sind mutiger und auch didaktisch besser aufgestellt. Die zeitgemäße Weiterentwicklung der Oberstufe ist aufgrund ihrer engen rechtlichen Rahmenbedingungen sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene besonders herausfordernd.

Wie sieht der innovative Ansatz Ihres Labors aus?

Barbara Stockmeier: Der innovative Ansatz ist insbesondere, dass die unterschiedlichsten Perspektiven in unserem Labor vertreten sind. Dadurch können wir einen größeren Blick auf unsere Arbeit werfen. Bei der Schulgestaltung passiert es leider oft genug, dass nur Lehrerinnen und Lehrer mit Schülerinnen und Schülern oder womöglich gar nur Lehrerinnen und Lehrer zusammenarbeiten. Ein weiterer innovativer Ansatz ist, dass alle, die im Innovationslabor mitwirken, bereits dabei sind, ihre Schulen anders zu gestalten. Wir sind viele innovative Denkerinnen und Denker, die ihre Köpfe zusammenstecken und versuchen, aus den einzelnen Aspekten das nächst Größere zu finden. Nach dem Motto: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein dritter Aspekt, den ich innovativ finde, ist die Art, wie wir Schule neu denken. Wir lassen uns aus den Methoden des Design-Thinking und Scrum inspirieren. Wir werden von der Initiative „Neues Lernen“ begleitet, die auf partizipative Schulentwicklung spezialisiert ist. Somit können wir dank innovativer Arbeitstechniken noch besser unsere sprudelnden Ideen zusammensetzen.  

Sie haben ein großes multiprofessionelles Team angesprochen. Wer ist denn alles an der Entwicklung der Ideen beteiligt? 

Barbara Stockmeier: In unserem Labor sind acht Schulen vertreten: Bonns Fünfte, Elinor-Ostrom-Schule Berlin, Evangelische Schule Berlin Zentrum, Lernwerft Kiel, Max-Brauer-Schule Hamburg, Schulzentrum am Stern Potsdam, Oberstufenkolleg Bielefeld, Wilhelm-von-Humboldt Gemeinschaftsschule Berlin. Als außerschulische Partner sind zwei Schulpsychologen aus dem Bezirk Spandau, die Schulaufsichtsbehörde und eine Professorin für Schulpädagogik der Universität Kassel beteiligt. Es sind auch Vorstände von Schulträgern dabei, wie zum Beispiel von der Montessori Stiftung. Dabei ist auch Cornelia von Ilsemann. Sie ist in der Deutschen Schulakademie als Themenleitung für das Thema „Neue Oberstufe entwickeln“ verantwortlich. Mit ihrer Expertise aus dem schulpraktischen Feld in Hamburg sowie ihrer Arbeit bei der Kultusministerkonferenz ist sie natürlich besonders spannend. Es ist mir sehr wichtig zu erwähnen, dass die Schulen, soweit es der Klausurenplan zulässt, immer auch die Schülerinnen und Schüler mitbringen, sodass auch diese Perspektive konstant vertreten ist. 

Und wie gelingt es Ihnen bei all den unterschiedlichen Perspektiven die jeweiligen Interessen in Ihrer Arbeit zusammenzubringen? 

Barbara Stockmeier: Wie findest du das Hannah? Gelingt es uns? Vielleicht gelingt es uns auch nicht?

Hannah-Lena Uylenkate: Es gibt ganz viele Ideen und ich als Schülerin höre mir das erst einmal alles an. Die Gruppe achtet meist auch gut auf die Schülerinnen und Schüler. Ab und zu ist es dennoch auch schwer als Schülerin mitzumachen – man muss dann sagen: „Hallo ich sitze hier auch noch“. Manchmal heißt es auch zu unseren Ideen: „Aber das geht so nicht“. Aber meistens klappt das ziemlich gut und wir kommen zu einem guten Ergebnis.

Könnt Ihr Schülerinnen und Schüler dann überhaupt auch eigene Ideen einbringen? 

Hannah-Lena Uylenkate: Ja, auf jeden Fall. Wir sagen eigentlich immer alles, was uns in den Kopf kommt und die Gruppe greift es meistens immer wieder auf. Unsere Ideen fließen dann in den Prototypen oder in das Projekt ein.  

Barbara Stockmeier: Es gibt sogar zwei Prototypen, die im Kern von Schülerinnen und Schülern ausgearbeitet wurden. Zum Beispiel das „Global Lab“. Und der Prototyp „Neue Oberstufe durch Dich“, in dem die Schülerinnen und Schüler die Öffentlichkeitsarbeit vorantreiben wollen, wurde auch von Schülerinnen und Schülern initiiert. Wir Erwachsene haben dann Aufgaben bekommen. Zum Beispiel war es meine Aufgabe, dass ich den Kontakt zur Deutschen Schulakademie herstelle. Ich würde hier nicht sitzen, wenn die Schülerinnen und Schüler das nicht eingefordert hätten.

Ich glaube, es gelingt uns gut, über unsere Arbeitsweise die verschiedenen Perspektiven zusammenzuführen. Wir stellen über methodische Impulse sicher, dass wirklich alle Gehör finden und niemand untergeht, wie es ja oft in losen Gesprächsrunden passiert. Es hilft aber auch, dass alle, die dabei sind, ein großes Interesse daran haben, Oberstufe aus ihrer Perspektive weiterzuentwickeln und weiterzudenken. Und jede Perspektive ist äußerst gefragt: Wir brauchen sowohl die Sicht der Schülerinnen und Schüler, als auch die der Schulpsychologie oder die rechtliche Perspektive über die Schulaufsichtsbehörden. Wir brauchen die Erfahrungsperspektive der alten Hasen unter den Schulen, die dabei sind. Wir brauchen aber auch die frische Dynamik von den sehr jungen Oberstufen, in denen noch Aufbruchstimmung herrscht. Es wird nur vollständig, wenn alle Perspektiven Eingang finden. 

Wie arbeitet die Gruppe? 

Barbara Stockmeier: Die Deutsche Schulakademie ist sozusagen unser Mutterschiff. Wir arbeiten in den Innovationslaboren der Deutschen Schulakademie an unserem Thema "Neue Oberstufe" und ich bin maßgeblich an der Vor- und Nachbereitung sowie der Durchführung des Innovationslabors beteiligt. Ich werde von Nils Reubke von der Initiative „Neues Lernen“ unterstützt. Wir übernehmen gemeinsam die methodische Aufbereitung und die Moderation der einzelnen Arbeitstreffen. Wir tagen fünf Mal im Jahr. Es sind im Wechsel eintägige und zweitägige Treffen.

Hannah, was ist deine Motivation als Schülerin in dem Labor mitzuarbeiten?

Hannah-Lena Uylenkate: Ich bin in einer Oberstufe, die sich gerade noch entwickelt. Das Problem ist ja, dass Schülerinnen und Schüler immer meckern „So wollen wir das nicht, wir wollen eine moderne Schule“. Es ist meistens so, dass wir bis zur Klausur lernen, dann spucken wir alles aus und vergessen es wieder. Aber das bringt uns nicht viel. Deswegen will ich auf jeden Fall eine moderne Oberstufe für meine Geschwister und alle Schülerinnen und Schüler, die jetzt noch kommen. Das motiviert mich. Und es macht auch mega Spaß. 

Wie gefällt dir die Mitarbeit im Innovationslabor? 

Hannah-Lena Uylenkate: Es sind so viele unterschiedliche Menschen dabei, dass es allein deshalb schon Spaß macht, hierhin zukommen. Es entstehen viele Ideen, die zusammengemischt werden und man merkt: „Wow, wir haben ein Projekt, auf das wäre ich alleine niemals gekommen und das können wir jetzt umsetzen“. Und das positive Denken, das macht echt Spaß. 

Welche Ideen habt Ihr bisher entwickelt? Und woran muss noch gearbeitet werden?

Hannah-Lena Uylenkate: Wir haben an einem Projekt gearbeitet, in dem wir uns zum Beispiel ein Thema wie den 2. Weltkrieg auswählen und dazu eine Person suchen, die ihn miterlebt hat. Ich hatte ein Jahr Zeit, um mit dieser besonderen Person zu reden und auf irgendeine Art ein Projekt zu machen: ein Buch oder eine Art Facharbeit oder aber auch ein Quiz. Es ging darum, dass wir selbst überlegen, wie die Ideen umgesetzt werden können. 

Das klingt spannend. Welche anderen Prototypen gibt es noch? 

Barbara Stockmeier: Aktuell arbeiten wir zum Beispiel an einem Prototyp mit dem Arbeitstitel „Neue Oberstufe komplett“. Diese Arbeitsgruppe setzt sich mit all den Prototypen auseinander, die wir im Innovationslabor entwickelt haben und ergänzt sie mit den spannenden und besonderen Lernarrangements, die es an anderen Schulen schon gibt. Die Gruppe stellt sich die Frage: Wenn man alle diese guten Ideen und Konzepte zusammenfügt und ein neues Bild entstehen lässt, wie würde dann eine dreijährige Oberstufe aussehen? Wir sind gerade dabei, einen neuen Jahresablauf, einen neuen Wochenablauf und einen neuen Tagesablauf zu entwickeln. Am Ende soll die Oberstufe das Beste aus allen tollen Konzepten beinhalten, die wir kennen oder entwickelt haben.

Hinter „Crossover inspiration“ steckt die Idee, dass sich Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern und weitere Menschen, die Schule mitgestalten wollen, im Tandem zusammenfinden. Sie haben die Aufgabe, sowohl ihre Berufs- als auch ihre Lebenswelt gegenseitig einen Tag lang kennenzulernen und sich als Schatten zu begleiten. Mit zwei Zielen: Zum einen können sich die Schülerinnen und Schüler über die Begegnung mit anderen Menschen eine Berufs-, Ausbildungs- oder Studienorientierung holen. Zum anderen versprechen wir uns davon eine engere Beziehungskultur, die dann wiederum einen positiven Einfluss auf die Schulentwicklungsprozesse hat. 

Ein anderer Prototyp ist das Global Lab. Das ist die Idee, dass Schülerinnen und Schüler für andere Schülerinnen und Schüler einen handlungsorientierten Zusatzkurs in Blockwochenform gestalten, der sich mit den 17 Nachhaltigkeitszielen auseinandersetzt. Kernidee der Gruppe ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer in eine gänzlich neue Rolle schlüpfen – nämlich in die der Begleitung und des Coachings. 

Grundsätzlich gibt es in den Innovationslaboren zwei Aspekte. Zum einen möchten wir gemeinsam Neues entwickeln. Und zum anderen bringen wir spannende Lernarrangements, die es bereits an den Schulen gibt, in das Innovationslabor ein, entwickeln sie weiter und bringen sie wieder in die Schulen zurück. Es ist eine interessante Mischung aus „Ernte“ und Neuentwicklung und daraus entsteht ein richtiger Schatz. 

Das Innovationslabor ist auf zwei Jahr angelegt. Was möchten Sie am Ende der Laufzeit erreicht haben?

Barbara Stockmeier: Ich möchte, dass wir diesen Denk- und Experimentierraum nutzen, um tatsächlich neue Prototypen zu entwickeln. Vor allem sollen Modelle für flexibilisiertes Lernen, Persönlichkeitsentwicklung, gesellschaftliches Engagement und eine Toolbox im Bereich Schulentwicklung entstehen. Alles soll von unseren teilnehmenden Schulen auch exemplarisch getestet werden, um es einem ersten Validierungsprozess zu unterziehen. Am Ende soll eine Art Handreichung entstehen, um unsere Erkenntnisse allen anderen Menschen zur Verfügung zu stellen, die Interesse daran haben. 

Ein weiteres Ziel ist es, der Oberstufe öffentliches Gehör zu verschaffen. Sie wird immer noch sehr stiefmütterlich behandelt, was die Schulentwicklung angeht. Ein so besonderes Format, wie es die Deutsche Schulakademie ins Leben gerufen hat, bringt eine hochqualitative Arbeit der Teilnehmenden mit sich. Ich halte es für einen ganz wichtigen Aspekt, mit dieser Arbeit auch noch einmal öffentliche Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren. Ein letztes, aber wichtiges Ziel ist es, für andere Schulen, die an einer Weiterentwicklung ihrer Oberstufe interessiert sind, eine Inspirationsquelle und eine Kontakt- oder Netzwerkstelle zu sein. Interessierte Schulen sollen kooperieren, sich vernetzen, voneinander abschauen und lernen können. 

Hannah-Lena Uylenkate: Ich kann mich dem nur anschließen. Ich finde die zwei letzten Punkte am Wichtigsten. Ich möchte, dass der alte Unterricht mit diesen alten Schulmethoden abgeschafft wird und wir die moderne, selbstständige Projektarbeit mehr in den Vordergrund bringen. Davon sollen alle Schulen hören.  

Ich wünsche Ihnen und Dir weiterhin viel Erfolg, Freude und Mut beim Experimentieren im Innovationslabor und bedanke mich für das Gespräch.