Ihre Schulen sind völlig unterschiedlich, trotzdem haben sie gemeinsame Themen: Markus Bußjäger und Miriam Felstermann vom St.-Anna-Gymnasium begleiteten eine Woche lang ihre Kollegen vom Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach im Unterricht.

Bildnachweis: Theodor Barth

Das St.-Anna-Gymnasium in München war eine von 76 Schulen, die 2015 am Hospitationsprogramm teilnahm. Vom 30. November bis 4. Dezember 2015 besuchten Markus Bußjäger, Mitarbeiter in der Schulleitung, und Miriam Felstermann, Lehrerin für Deutsch und Englisch, das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach, das 2007 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Gemeinsam fassten sie ihre Erfahrungen mit dem Hospitationsprogramm zusammen:

„Unterschiedlicher könnten Schulen kaum sein: Das St.-Anna-Gymnasium ist eine Innenstadtschule in der Millionenstadt München, beheimatet in einem über hundert Jahre alten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude mit rund 800 Schülerinnen und Schülern. Das Friedrich-Schiller-Gymnasium ist ein typischer Schulbau der 60er Jahre, am Rande der Kleinstadt. Die rund 2300 Schülerinnen und Schüler haben oft schon eine lange Anreise hinter sich.

Fünf Tage besuchten wir als Vertreter des Münchener Gymnasiums die Hospitationsschule in Marbach. Dabei interessierten uns vor allem die Fragen: Wie geht das Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) mit Vielfalt um – vor allem hinsichtlich der Unterschiede der Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler? Mit welchen Maßnahmen werden leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler unterstützt, mit welchen leistungsstärkere? Worin liegen die Gründe für die erfolgreiche Leitung und Schulentwicklung des FSG?

In Marbach besuchten wir den Unterricht, sprachen mit Kolleginnen und Kollegen, erlebten den Schulalltag. Überrascht hat uns, wie offen die Lehrerinnen und Lehrer waren, ihnen wildfremde Kollegen aus anderen Bundesländern einfach mit in den Unterricht zu nehmen und für alle Fragen offen zu sein.

Die Fremdsprachenlehrerin hat besonders das hohe Engagement in ihrem Fachbereich beeindruckt, die vielen Auslandskontakte und vor allem die bilingualen Klassen in Englisch. Sogar Betriebspraktika können Schülerinnen und Schüler aus Marbach im Ausland machen.

Das Tutoren-System in Mathe, von dem sowohl starke als auch schwächere Schülerinnen und Schüler profitieren, sowie der Einsatz der Lesekisten und Leserattenhefte in Zusammenarbeit mit dem Fach Kunst haben uns beeindruckt. Wir haben am St-Anna-Gymnasium (SAG) ebenfalls Lesekisten, könnten diese aber noch konsequenter einsetzen. Auch das Schul-Handbuch hat Eindruck gemacht. Als Beauftragte für Schulentwicklung, Qualitätssicherung und Evaluation reizt uns diese Art der Zusammenstellung schon länger, allerdings ist uns bewusst, wieviel Arbeit damit verbunden ist. Zu den Ideen, die wir bestimmt in den nächsten Jahren umzusetzen versuchen werden, gehören das Leserattenheft, die Suche nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern für ein SAG-Handbuch sowie die Suche nach Möglichkeiten, auch unsere Schüler verstärkt mit dem englischsprachigen Ausland in Kontakt zu bringen.

Konkret in diesem Jahr versuchen wir, noch weiter an der Idee des Teamteaching zu arbeiten. Insgesamt verstärkt sich bei uns nach dem Besuch in Marbach immer mehr der Eindruck, dass es eine Verschwendung von Ressourcen ist, nicht stärker mit Kolleginnen und Kollegen zusammen zu arbeiten. Das betrifft nicht nur die Konzeption von Schulaufgaben und Arbeitsblättern, sondern wahrscheinlich auch ganz konkret den Unterrichtsalltag: Warum sollte man parallel liegende Kurse nicht mal aufteilen und einen Teil von einem Kollegen unterrichten lassen? Diese Differenzierung kann nach Leistung erfolgen oder nach Thema.

Lehrerinnen und Lehrer haben eher selten die Gelegenheit, eine andere Schule genau kennen zu lernen. Die Folge ist daher oft eine gewisse Betriebsblindheit. Man meint, die Dinge müssten so angegangen werden, wie es an der eigenen Schule geschieht, die eigenen Konzepte seien die maßgeblichen Antworten auf pädagogische Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund haben wir die Hospitation am FSG in Marbach zum einen als sehr bereichernde persönliche Erfahrung erlebt, zum anderen schätzen wir sie auch als äußerst gewinnbringend für die Entwicklung der eigenen Schule ein. Wir haben ein anderes Gymnasium mit zum Teil gänzlich anderen Rahmenbedingungen, aber auch ganz ähnlichen Herausforderungen, zum Beispiel beim Umgang mit Vielfalt, intensiv kennengelernt. Dabei war für uns besonders interessant, welche Antworten auf diese Herausforderungen am FSG gegeben werden. Noch interessanter war, wenn am FSG Herausforderungen gesehen wurden, die wir zu wenig im Blick hatten. Momentan wird am St.-Anna-Gymnasium ein Schulentwicklungsprogramm erstellt. Wir gehen davon aus, dass einige der Impulse aus Marbach einfließen werden.

Grundsätzlich halten wir daher Schulhospitationen für ein wichtiges Instrument zur Förderung von Schul- und Unterrichtsqualität und bedanken uns bei der Deutschen Schulakademie für diese Chance.“

Interessierte Schulen können sich bis zum 5. Mai 2016 für das Hospitationsprogramm 2016 bewerben. Mehr Infos zur Bewerbung finden Sie hier.