Alexander Kleider hat einen Film über die Berliner Schule für Erwachsenenbildung e.V. gedreht. Die außergewöhnliche Schule erhielt 2016 den Deutschen Schulpreis. Bundesweiter Kinostart für den sehr sehenswerten Dokumentarfilm ist am 11. Mai 2017.


Hanil, Alex, Marvin, Mimy und Lena sind über zwanzig, sie alle haben die Schule vor Jahren geschmissen. Weil sie gemobbt wurden, mit den Lehrerinnen und Lehrern nicht zurechtkamen, oder weil sie gekifft haben. Doch sie alle wollen Abitur machen. Hanil will Maschinenbau studieren, die anderen wollen sich selber beweisen, dass sie es schaffen können. Deshalb sind sie nach Berlin gekommen, um an der Schule für Erwachsenenbildung e.V. (SFE) ihr Abi zu machen. Die Privatschule, die 1973 von Schülerinnen und Schülern gemeinsam mit Lehrkräften als gemeinnütziger Verein gegründet wurde, ist ein Kollektiv. Jeder und jede ist Teil des Projekts und muss Verantwortung übernehmen. Ziel ist das gemeinsame Lernen. Auch wenn es an der alternativen Schule in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Friedrichshain-Kreuzberg keinen Druck durch Noten oder Sitzenbleiben gibt, sondern alles selbstbestimmt wird (sogar die Höhe des Schulgeldes), werden die Mittlere Reife oder das Abitur hier niemandem geschenkt.

Plakat Berlin Rebel High School

Alexander Kleider hat die fünf jungen Erwachsenen drei Jahre lang auf ihrem Weg begleitet. Für Kleider ist es ein Wiedersehen mit seinen Lehrerinnen und Lehrern – er gehört zum Abiturjahrgang 2000 der Berliner Schule für Erwachsenenbildung. Sein Kunstlehrer Klaus, inzwischen 65 Jahre alt und immer noch an der Schule, hat ihn damals ermutigt, Filme zu machen. „Meine letzten Filme hatten alle schwere Themen“, sagt Regisseur Alexander Kleider, „jetzt wollte ich einen positiven Film machen.“

Und das ist ihm gelungen. Er begleitet die Fünf von der „Einschulung“ an durch alle Phasen auf dem Weg zu einer wirklich nachhaltigen Bildung: von der anfänglichen Begeisterung über Ernüchterung zur produktiven Panik vor den Abitur-Prüfungen. Diese müssen extern abgelegt werden. Nur wer die vier mündlichen Prüfungen besteht, wird zu den schriftlichen zugelassen. 

Kleider lässt die jungen Erwachsenen sprechen, die Zuschauerin und der Zuschauer erleben die Schule aus ihrer Perspektive: Man sitzt im Klassenzimmer, ist auf der wöchentlichen Vollversammlung in der mit Graffitis übersäten Aula. Man streift durch die Gänge dieser ungewöhnlichen Schule, sitzt mit Hanil, Alex, Marvin, Mimy und Lena in der Klasse, versucht Vektorenrechnung, Spanisch-Vokabeln und deutsche Klassik nachzuholen. Schleppt sich durch anstrengende Diskussionen über Selbstverantwortung. Auch die Lehrerinnen und Lehrer lässt Kleider für sich sprechen. Nur durch Untertitel, die er wie nebenbei einstreut, erfährt man, welchen Preis die Pädagoginnen und Pädagogen für ihren Einsatz zahlen: 12,50 Euro brutto verdient Klaus, 65, Deutsch- und Kunstlehrer. Seine Rente? Wird niedrig ausfallen. Aber trotzdem konnte sich der Alt-Hippie nie vorstellen, an einer staatlichen Schule zu unterrichten.

Trotz der Nähe zu den Schülerinnen und Schülern und zu den Lehrkräften, gleitet der Film nie ins kitschige ab. Seine volle Wucht – und auch seine volle Kritik am staatlichen Schul- und Bildungssystem – entfaltet er in den Szenen, in denen die fünf Protagonisten und Protagonistinnen an ihre alten Schulen zurückkehren und sich gegenseitig erzählen, was sie dort erlebt haben, welcher Willkür und welchen Schikanen sie ausgesetzt haben. Und wie wenig, die Lehrerinnen und Lehrer an den konventionellen Schulen in der Lage waren, sie zu fesseln, sie zu begeistern und sie zum Lernen anzustiften. Traurig, dass diese jungen Menschen, diesen schweren Weg gehen mussten. Aber tröstlich, dass das deutsche Schulsystem mit all seinen Mängeln immerhin eine Schule wie die Berliner Schule für Erwachsenenbildung zulässt.

Die Schule fällt aus dem Rahmen – selbst im Netzwerk der Preisträgerschulen. Die SFE wurde 2016 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Aber von ihr können auch staatliche Schulen viel abgucken und lernen. Und der Film wird mit Sicherheit für eine Diskussion über das staatliche Schulsystem sorgen.

Bundesweiter Filmstart ist am 11. Mai 2017
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